Mutter
[...] Ich denke, die Frau soll Frau sein. Sie hat ihre Größen, in vielen Bereichen. Heute sehe ich, dass viele Frauen die Mutterrolle, diese Fähigkeit, Leben zu schenken, nicht mehr lieben. Meine Mutter hat alle zwei Jahre ein Kind bekommen, 23 Jahre war sie entweder schwanger oder hat gestillt. Sie hat ihr Leben gegeben. Davor haben Frauen heute Angst. (Bachmann, Gilli 2021, 185)
Von Beginn an hörte ich die Hebammen Sätze sagen wie: "Gehen wir zu der, die zum Ausruhen hierhergekommen ist." Am Tag darauf fragten sie mich: "War der Urlaub gestern nicht genug? Du hast nichts. Das Kind kommt noch nicht zur Welt" Mein Ehemann war sehr sauer, vor allem auf meine Ärztin, die sich lange nicht blicken ließ. Als sie am Abend erschien. Brachte sie mich in ein Gebärzimmer und sagte: "Willst du nun gebären?" Sie hat mir die äußere Hülle der Fruchtblase von der Gebärmutter gelöst, um die Geburt voranzutreiben. Es war der grauenhafteste Schmerz meines Lebens, weil ich noch nicht so weit war zu gebären und begriff, dass ich tatsächlich eine Nierenkolik hatte. Über den Krankenhausflur rief mir wenig später ein Arztkollege zu: "Bist du immer noch hier? Geh." Kurz darauf wurde ich entlassen. Es war der 5. September 2014. (Bachmann, Gilli 2021, 85)
Im Land der Mütter- und Madonnen-Verehrung, im kindervernarrten Italien, gibt es ein Tabu: Der Moment, in dem Frauen gebären, ist nicht immer ein schönes Erlebnis. Kein größtes Glück, kein wunderbarer Augenblick für sie. Das Ereignis ist, schlimmer noch, oft traumatisch für Mutter und Kind. Nicht, weil eine Geburt mit Schmerzen verbunden ist, sondern weil die Frauen Gewalt erleben. Durch Ärztinnen und Ärzte, Hebammen, Pflegekräfte. Die Gewalt ist meist verbal und manchmal physisch. Bedürfnisse werden ignoriert, die Gebärenden belächelt. Beleidigt. Entwertet in einem ohnehin verwundbaren Moment. (Bachmann, Gilli 2021, 83)
Es war der 6. September 2014, als ich frühmorgens gegen 4 Uhr zu hause Fruchtwasser verlor. Am Nachmittag ging ich erneut ins Krankenhaus. Dort sagte ich den Hebammen, dass ich mein Baby nicht mehr spürte. Sie antworteten, ich solle still sein und nicht dauernd jammern, es passiere erstmal gar nichts. Sie schickten mich unter die Dusche, wo ich in Ohnmacht fiel. Irgenwann hörte ich die Unterhaltung zweier Ärzte. Einer sagte zum anderen: "Dem Kind geht es nicht gut, sie muss entbinden." Der andere erwiderte: "Geh mir nicht auf den Sack! Ich lasse zuerst die andere gebären. Diese hier muss waren." Er meinte mich. (Bachmann, Gilli 2021, 86)